Die Myoreflextherapie wurde ab Mitte der 1980er Jahre von Dr. med. Kurt Mosetter entwickelt. Den Anstoß zur Entwicklung gab die schwere MS-Erkrankung von Mosetters Vater. Die Suche nach wirksamen Behandlungsmöglichkeiten jenseits der rein symptomatischen Medizin motivierte ihn zum Medizinstudium und zur Erforschung neuromuskulärer Zusammenhänge.
Mosetter integrierte Erkenntnisse der funktionellen Anatomie, Biokinematik und Neurophysiologie. Ein zentraler Punkt ist das Verständnis von myofaszialen Kraftvektoren und Muskelketten, bei denen die „Meridiane“ der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) als sog. „Muskelmeridiane“ verstanden werden.
Mosetter bezog Erkenntnisse der klinischen Psychotraumatologie ein, um zu verstehen, wie ungelöster Stress und traumatische Erlebnisse als Spannungsmuster im Körpergedächtnis gespeichert werden und bleiben.
Die offizielle Ausbildung für Therapeuten wurde um 1994/95 ins Leben gerufen. Hauptsächlich wird diese von Physiotherapeuten und Trainern, aber auch von Ärzten und HPs besucht. Im Jahr 2000 erschien das erste Fachbuch über die Methode. Heute wird die Myoreflextherapie weltweit angewendet und findet unter anderem im Spitzensport (z. B. Betreuung der US-Fußballnationalmannschaft unter Jürgen Klinsmann) sowie in der Behandlung von Kindern und Patienten mit post-akuten Syndromen Anwendung. Anbieter, Organisator und Inhaber der Markenrechte ist die: Vesalius GmbH Konstanz.
Der Therapeut führt eine gezielte Druckpunktstimulation auf Muskel-Sehnen-Übergänge aus. Dabei wird nicht nur der Schmerzpunkt selbst behandelt, sondern die gesamte funktionelle Muskelkette. Oft liegt die Ursache für Schmerzen (z. B. im Rücken) in einer zu hohen Spannung der Gegenspieler-Muskulatur (z. B. der Bauchmuskeln).
Die Behandlung folgt dabei einem Ablauf, der zum einen auf neurophysiologischen Prinzipien beruht, zum anderen den individuellen Belastungsmustern des Patienten nachgeht – wie Unfall, vieles Sitzen, Sportart, neurologischen Störungen, u.a.
Besonders häufig wird an der oberen Halswirbelsäule, den Kaumuskeln und der Beckenmuskulatur gearbeitet, da diese Regionen eine zentrale Rolle für die Statik spielen. Eine myoreflex-spezifische Schlüsselstation ist das „innere GPS“, also die Feinabstimmung von HWS/Nacken, Sehen, Gleichgewicht und räumlicher Navigation, die äußere Orientierung und ein stabiles Selbstgefühl (innere Orientierung) gewährleistet oder neu ausrichtet.
Myoreflextherapie gibt Impulse zur Selbstregulation, anstatt primär Strukturen zu korrigieren (Regulation statt Manipulation). Zudem werden die Patienten selbst aktiv; sie führen begleitend Kraft-in-Dehnung-Übungen (KiD) durch, um die neuen Bewegungsmuster dauerhaft zu verankern. KiD wird auch in einigen hochwertigen Fitness-Studios angeboten.
2005 und 2009: große Effektstärken in der Trauma- und Schmerztherapie
Mehrere Untersuchungen im Zusammenhang mit Psychotrauma und Schmerz konnten die Effizienz der Myoreflextherapie mit entsprechend hoch signifikanten Effektstärken belegen. So lag in einer Studie der „Verlaufswert der Stärke der körperlichen Beschwerden (Myo) vor und nach der Behandlung mit der Myoreflextherapie bei 3.65.“
Kilk, D. (2005). Myoreflextherapie als Trauma Komplementär Therapie. Merkmale, Verlauf, Ergebnis und Wirkungsprofil. Dissertation. Philosophische Fakultät der Universität zu Köln. Köln.
In einer weiteren Studie ergeben sich „nach ca. sechswöchiger Therapie in allen Symptomskalen Effektstärken für die Behandlung, die gemäß den Cohenschen Konventionen als groß zu beurteilen sind.“
Muth, K. & Bering, R. (2009). Trauma und Schmerz: Evaluation der Myoreflextherapie im Kontext der Mehrdimensionalen Psychodynamischen Traumatherapie. Zeitschrift für Psychotraumatologie, Psychotherapiewissenschaft und Psychologische Medizin 3. 25-35.
2023, 2024 u. 2025: hohe Wirksamkeit im Vergleich zu konventioneller Physiotherapie
Studien im Militärkrankenhaus Ulm unter der Leitung von Prof. Dr. Daniel Gagiannis belegen die hohe Wirksamkeit der Myoreflextherapie als innovative Ergänzung in der Post-COVID-Therapie, mit klaren Vorteilen gegenüber Standardansätzen.
Die Myoreflextherapie zeigte sehr starke Ergebnisse, insbesondere bei Post-COVID-Patienten. In einer Pilotstudie von 2023 und einer randomisiert kontrollierten Studie von 2024 wurden signifikante Verbesserungen bei Belastungsdyspnoe, Zwerchfellfunktion, Muskelschwäche, Fatigue sowie der Lungenfunktion festgestellt.
Die Pilotstudie, 2023 beschreibt Myoreflextherapie bei Patienten mit anhaltenden Post-COVID-Beschwerden. Nach nur fünf Sitzungen Myoreflextherapie traten signifikante positive Effekte auf Belastungsdyspnoe, Zwerchfellfunktion, Muskelschwäche und Fatigue ein.
In darauf folgenden umfassenden Studien profitierten die Patienten ebenfalls signifikant gut von der Myoreflextherapie, im Vergleich zu konventioneller Physiotherapie. Besonders hervorzuheben ist hier die signifikante Steigerung der Lungen-Diffusionskapazität (DLCO und KCO), was die Wirksamkeit unterstreicht.
Diese Studien belegen die hohe Wirksamkeit der Myoreflextherapie als innovative Ergänzung in der Post-COVID-Therapie, mit klaren Vorteilen gegenüber Standardansätzen.
Baudrexl, J. / Mosetter, K. / Gagiannis, D. (2023) Myoreflex therapy – A novel therapeutic option as a solution for non-specific post-COVID complaints? Poster; American Thoracic Society – ATS Conference & Exhibition, San Francisco 2023.
Baudrexl JC; Schmidt Alba J; Mosetter K; Mosetter R; Steinestel K; Daniel Gagiannis (2024). The impact of myoreflex therapy on patients with post-acute sequelae of covid-19. OJCMCR 10 (19). (https://www.jclinmedcasereports.com/articles/OJCMCR-2272.html)
Baudrexl JC; Schmidt Alba J; Mosetter K; Mosetter R; Steinestel K; Daniel Gagiannis (2025). Introducing the “Gamechanger“ – Myoreflextherapy. Health Sciences Review 14 (2025) 100215. (https://authors.elsevier.com/sd/article/S2772-6320(25)00007-8)
Das Konzept der Myoreflextherapie entwickelte sich als mehrdimensionale und multimodale manuelle Schmerztherapie von 1987 bis heute. Initial inspirierte das Studium von klassischen Akupunktursystemen und Muskelmeridianen die Entwicklung des Konzepts. Zeitgleich bestimmten die Lehrjahre unter der Obhut des Facharztes für Orthopädie, Chirotherapie und manuelle Medizin, Dr. med. Tilman Göerttler sowie des Biokinematik-Arztes Walter Packi die weiteren Schritte.

Ein klassisches Meridianbild, ein vorderer und ein hinterer Muskelmeridian (nach Bergsmann) sowie die Linie einer biokinematsichen, myofaszialen Kraftwirkung
Auf der Suche nach einem tieferen Verständnis hinsichtlich der Wirksamkeit dieser erfahrungsmedizinischen Herangehensweisen folgten mehrere Brückenschläge in die Fachbereiche Physik, Bewegungsgeometrie und Anatomie.
(Mit dazu kamen Elemente aus der Ernährungsmedizin mit Darm – Leber – Gehirn – Gesundheit. Über 20 Jahre prägte der Professor für Biochemie und Molekularbiologie Dr. med. Werner Reutter das Wissensfundament um den Energie- und Zucker-Stoffwechsel und damit die biochemische Basis der Glycoplan-Ernährung.)
Während funktionelle Anatomie, Biomechanik und Biokinematik die äußeren Spielregeln der Behandlung individuell kalkulierbar machen, werden auch innere Faktoren wie Biographie, Psychosomatik, Psychotraumatologie und Stoffwechsel schon seit 31 Jahren handlungsrelevant berücksichtigt.
Die Grundlage des therapeutischen Miteinanders in der Myoreflextherapie wurde über den direkten Einfluss von Thure von Uexküll und Gottfried Fischer geformt. Ihre biopsychosozialen Erklärungsmodelle, welche sowohl biologisch-körperliche, emotionale und intellektuelle Komponenten des Einzelnen, aber auch seine soziale Situation sowie Lebensgeschichte umfassen, garantierten ein sehr wirkungsvolles und tragfähiges Konzept.
Die konkrete Basis der Myoreflextherapie, einer mehrdimensionalen Regulationsmedizin, sind neurophysiologische und neurobiologische Grundlagen, welche unmittelbar praxisrelevant nutzbar gemacht werden können. Dies auch in praktischen Übungen und Anleitungen für die Klienten.
Exemplarisch sei das Muskelsystem des mächtigen M. iliacus / iliopsoas erläutert. Der M. iliacus / iliopsoas, von aussen sozusagen nicht erkennbar, ist entscheidend für die Möglichkeit des aufrechten Ganges und für die Stellung der Wirbelsäule in ihrer physiologischen Schwingung. Der M. iliacus / iliopsoas setzt sich zusammen aus dem M. iliacus, dem M. psoas major und psoas minor. Der Verlauf dieses Muskelsystems führt von kranial-dorsal nach ventral-kaudal. Dieses Muskelsystem stellt eine direkte Verbindung der oberen Rumpfmuskulatur zu der unteren Extremität her.
Der Ansatz ist mit dem Trochanter minor einfach zu beschreiben, entzieht sich jedoch aus anatomischen / topographischen Gründen oft einem direkten Behandlungszugang. Das Ursprungsgebiet verhält sich dagegen sehr komplex und bietet vielfältige Behandlungszugänge.
Dem M. iliacus entsprechen im Ursprungsgebiet die knöchernen Strukturen der Fossa iliaca, palpatorisch und behandlungstechnisch erreichbar über den seitlichen Beckenkamm und die Spina iliaca anterior inferior. Ursprung des M. psoas sind die Seitenflächen des zwölften Brust- und des ersten bis vierten Lendenwirbels sowie die Processi costales des ersten bis fünften Lendenwirbels.
Die Funktionen des M. iliacus / iliopsoas sind im Becken sehr vielfältig und kompliziert. Im Einzelnen zu unterscheiden sind die Beugung und die Innenrotation im Hüftgelenk, sowie Seitbewegungen der Wirbelsäule. Über Vernetzungen mit Fasern des Zwerchfells wird der M. iliacus / iliopsoas auch zu einem wichtigen Atemhilfsmuskel. Bezüglich der Funktion des Zwerchfells arbeitet dieses Muskelsystem antagonistisch. Bei gleichzeitiger Kontraktion der Mm. glutaeii verändert der M. iliopsoas seine Funktion und wird im Hüftgelenk zu einem Außenrotator. Das Muskelsystem des Psoas dient weiterhin der Haltung und wird somit der tonischen Muskulatur zugeordnet. Speziell tonische Muskeln neigen sehr zu Verkürzungen und schränken die Beweglichkeit von Gelenken sehr häufig ein.
Verkürzungen dieses Muskels, welche in unserem Kulturkreis über häufiges Sitzen schon im Kindesalter eingeleitet werden, führen zu vielfältigen und weitreichenden Beschwerdebildern. Was sich bei akuten Schmerzen im Zusammenspiel mit dem Rectus abdominis als Hexenschuss bemerkbar macht, kann unter chronischen Bedingungen über die Mächtigkeit diese Kraftvektors und seiner Kraftwirkung in den Regionen der Bandscheiben zum Prolaps der Bandscheiben führen.
Und es eröffnen sich weiterreichende Zusammenhänge mit komplexen Beschwerdebildern, die funktionell erklärbar und so facharztbegleitend behandelbar werden: asthmatische Beschwerden, Atem- und Herz-Enge, unklare Unterbauch- und Bauchbeschwerden.

Neuromuskuläre, funktionelle Ursachenfelder & Behandlungsmöglichkeiten
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