Der Begriff „Tourette-Syndrom“ geht auf den französischen Neurologen Georges Gilles de la Tourette zurück, der das Krankheitsbild um 1885 erstmals umfassend und systematisch beschrieben hat.
Dieses Krankheitsbild beginnt meist im Kindesalter mit motorischen und vokalen Tics und gilt in den Leitlinien als chronische, nicht heilbare, aber gut behandelbare neuroentwicklungsbedingte Störung.
Die ersten Symptome – Tics, Zuckungen, Blinzeln, Naserümpfen, unkontrollierte Lautäußerungen bis hin zu Obszönitäten – beginnen meist im Kindesalter. Alle Symptome der neuro-psychiatrischen Störung Tourette-Syndrom verstärken sich typischerweise unter Stress. Nach offiziellen Leitlinien gilt das Tourette-Syndrom als nicht heilbar, aber behandelbar. Im Vordergrund stehen die durch unwillkürliche, plötzliche und wiederholte Bewegungen (motorische Tics) und Laute (vokale Tics) gekennzeichneten Episoden, die häufig von ADHS oder Zwangsstörungen begleitet werden.
Wir durften bereits seit 1995 die ersten Kinder und Jugendlichen mit Tourette-Syndrom behandeln – überwiesen vom Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. Peter Riedesser. Damals wie heute gehen wir davon aus, dass dieses Syndrom erst dann wirklich verständlich wird, wenn wir die verschiedenen kausalen, ätiologischen und belastenden Faktoren systematisch mitberücksichtigen.
Dieses Syndrom ist nicht nur als isolierte Tic-Störung zu betrachten, sondern als komplexes Geschehen, bei dem mehrere Belastungsfaktoren zusammenkommen können:
1. Posttraumatischer und neuromuskulärer Belastungsstress und andere Formen chronischer psychosozialer Belastung.
2. Infektionen und Postinfektionssyndrome – insbesondere im Zusammenhang mit immunologischen Reaktionen nach bakteriellen Infektionen (z.B. PANDAS-ähnliche Verläufe), wie sie manche Tourette-Patienten beschreiben.
3. Dysbiosen, Reizdarmsyndrome, toxische Metabolite und Störungen der Darm–Gehirn-Achse.
4. Hormonelle Dysregulationen.
5. Verdeckte Insulinresistenz, MAFLD (metabolische Fettlebererkrankung) und „silent inflammation“ als Ausdruck chronisch-metabolischer Entzündungsprozesse.
6. Störungen der circadianen Rhythmik und Schlafstörungen.
7. Unterversorgung und Mangelzustände an Selen, Zink, Magnesium, Omega-3-Fettsäuren, Aminosäuren und Vitaminen. Wobei eben Kinder mit Tourette vermehrt zu Mikronährstoffmangel und ungünstigen Ernährungsprofilen neigen und Mikronährstoffe möglicherweise einen modulierenden Einfluss auf Tic-Symptome haben.
8. Kohlenhydrat-Stress und Mitochondrialer „Overload“ und Dysfunktion, wie sie etwa im Zusammenhang mit genetischen Varianten (z.B. IMMP2L) und erhöhter oxidativer Belastung bei Tourette diskutiert werden.
In unserer täglichen Arbeit bedeutet dies, dass wir Tourette-Syndrom in einem interdisziplinären, (reuro)biochemischen-körperlich-seelischen Kontext sehen und versuchen, diese vielfältigen Faktoren individuell zu erfassen und therapeutisch mehrdimensional einzubeziehen.
Studien: